Raus aus der Komfortzone: Inklusions- und Teilhabeforschung als politische Positionierung (Raum 8 - Slot 5b)
20.02.2026 , Raum 8 (GW2 B2900)


Abstract Einzelbeitrag

Fast 20 (!) Jahre nach der Verabschiedung der UN-BRK scheint eine inklusive Gesellschaft zunehmend außer Reichweite zu geraten. Es werden politische Forderungen laut, die sich deutlich gegen Inklusion aussprechen (z. B. Koenigs, 2024; MPB & AFP, 2022). In diesem Kontext ist Inklusionsforschung ein hochpolitisches Feld, das eine politische Positionierung und eine forschende Haltung verlangt.
In Anlehnung an die Grundsätze partizipativer Forschung der „Forschung mit Menschen“ (Bergold & Thomas, 2020) sowie an die doppelte Zielsetzung – die Lebenswelt der Beteiligten nicht nur zu verstehen, sondern sie auch in ihrem Sinne zu verändern (von Unger, 2014) – lässt sich eine inklusive Haltung als Überzeugung verstehen: von der Gleichwertigkeit aller Menschen, einem geteilten Verantwortungsgefühl und der Anerkennung von Vielfalt als gesellschaftlicher „Norm“. Diese Überzeugungen treffen auf widersprüchliche Anforderungen wie z. B. Leistungs- und Anpassungsdruck oder Profilierungserwartungen. Es stellt sich die Frage, wie sich Forschung in diesem Spannungsfeld positioniert.
Diese Ausgangslage wird anhand zweier Dissertationsprojekte exemplarisch beleuchtet. Die Forschenden stehen vor der Herausforderung, ihre Haltung in forschungspraktisches Handeln zu übersetzen.
Das erste Projekt untersucht digitale Teilhabe in Schulinternaten für „Jugendliche mit Lernschwierigkeiten“. Es werden auf individuell-subjektiver und institutioneller Ebene digitale Teilhabemöglichkeiten analysiert. Durch ein Photovoice-Verfahren erfahren die Jugendlichen zugleich digitale Teilhabe im Forschungsprozess sowie Mitbestimmung (Wright, von Unger &Block, 2010).
Das zweite Projekt erforscht das Erleben von Teilnehmenden an Hochschulprogrammen für „Menschen mit sogenannter kognitiver Beeinträchtigung“ in einem „möglichst inklusiven Ansatz“ (Kremsner, 2017). Interviews werden gemeinsam mit drei Bildungsfachkräften des Instituts für Inklusive Bildung (CAU Kiel) untersucht.
In der gemeinsamen Analyse zeigen sich vier Spannungsfelder: (1) partizipative Forschung vs. Ergebnisdruck, (2) Partizipation vs. Profilierung, (3) weites Inklusionsverständnis vs. forschungspraktische Fokussierung und (4) Separation vs. Inklusion.
Der Beitrag plädiert für eine kritisch-reflexive Haltung in der Forschungspraxis. Er zeigt, wie systemkonforme Rahmenbedingungen Forschung beeinflussen, und macht sichtbar, wie Haltung wirksam werden kann – damit Inklusion trotz institutioneller Hürden nicht zur Utopie verkommt

Wie ist der inhaltliche Status Ihres Beitrags?

Präsentation laufender Forschungsprojekte (Zwischenstand), Präsentation theoretischer oder konzeptioneller Beiträge

Literatur

Koenigs, V. (2024, 31. Januar). Was bedeutet die AfD Politk für Menschen mit Behinderungen, NDR. Verfügbar unter: https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Was-bedeutet-die-AfD-Politik-fuer-Menschen-mit-Behinderungen,afd3152.html [Stand: 16.01.2025].
MPB & AFP (2022, 23. März). Inclusion des élèves handicapés: Éric Zemmour prône le "cas par cas", MFMTV, Verfügbar unter: https://www.bfmtv.com/politique/elections/presidentielle/inclusion-des-eleves-handicapes-eric-zemmour-prone-le-cas-par-cas_AD-202203230443.html [Stand: 16.01.2025].
Bergold, J., & Thomas, S. (2020). Partizipative Forschung. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie (2., überarb. u. erw. Aufl., S. 1–22). Wiesbaden: Springer. doi: https://doi.org/10.1007/978-3-658-26887-9_25.
von Unger, H. (2014). Partizipative Forschung. Einführung in die Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer VS Verlag. Rezension (M. Alisch): https://www.socialnet.de/rezensionen/17155.php.
Wright, M. T., von Unger H., & Block, M. (2010c). Partizipation der Zielgruppe in der Gesundheitsförderung und Prävention. In M. T. Wright (Hrsg.), Partizipative Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung und Prävention (S. 35–52). Bern: Huber.
Kremsner, G. (2017). Vom Einschluss der Ausgeschlossenen zum Ausschluss der Eingeschlossenen: Biographische Erfahrungen von so genannten Menschen mit Lernschwierigkeiten. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt. Online: https://www.pedocs.de/volltexte/2017/14642/pdf/Kremsner_2017_Vom_Einschluss_der_

-Digitale Teilhabe im Kontext sonderpädagogischer Einrichtungen
-Non-normative schulische Übergänge (Reintegration)
-Partizipativer Forschungsstil (Photovoice)
-Qualitative Forschungsmethoden: GTM, QIA, Situationsanalyse