19.02.2026 –, Raum 6 (GW2 B2880)
Presentation of empirical project results (research currently being finalised at the time of the conference), Presentation of theoretical or conceptual contributions
Literatur –Bertilsdotter Rosqvist, H., Chown, N., & Stenning, A. (Eds.). (2020). Neurodiversity Studies: A New Critical Paradigm. Routledge.
Ghigi, N., Bizzari, V., Sannipoli, M. (2025). From the Neurodivergent Mind to the Neurodivergent Bodies: A Phenomenological Approach Towards Neurodivergence. In: Phenomenological Pedagogy. Contributions to Phenomenology, vol 139. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-031-87968-5_3
Grummt, M. (2025). Neurodiversität – Die Sehnsucht nach kultureller Anerkennung, die Macht der neurotypischen Gesellschaft und Ansprüche an neurodiversitätsreflexive Pädagogik. Beltz Juventa.
Walker, N. (2021). Neuroqueer Heresies: Notes on the Neurodiversity Paradigm. Autonomous Press.
Abstract Einzelbeitrag –Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Neurodiversitäts- und Inklusionsaktivismus trotz vieler gemeinsamer Ziele – Barriereabbau, Anerkennung minorisierter Gruppen, Teilhabe – häufig getrennt verhandelt und teils sogar gegeneinander positioniert werden.
Der Beitrag adressiert das Tagungsthema „Forschung – Haltung – Aktivismus“ und fragt: (1) Wie positioniert sich die Neurodiversitätsbewegung als wissenschaftliche orientierte soziale Bewegung zwischen Neudeutung bestehender Strukturen und Systemkritik? (2) Welche aktivistischen Instrumente – z. B. Hashtag-Kampagnen, Self-Advocacy, Storytelling, partizipative Forschung – nutzt sie erfolgreich, wie wirken diese auf Wissenschaft und Praxis und was kann daraus für den Inklusionsaktivismus gelernt werden? (3) Welche Streitpunkte (Diagnoseverständnis, Kategorisierung, Verhältnis zu medizinisch-psychologischen Ansätzen) strukturieren die Auseinandersetzungen in der Inklusionsszene und wie lassen sie sich produktiv wenden?
Theoretisch wird Neurodiversität hier als Verschränkung neurobiologischer und soziokultureller Diversitätskonzepte verstanden. Dies wird deutlich in Diskursen der Neurodiversitätsforschung um Bodymind-Ansätze (Walker 2021), Embodiment (Ghigi et al. 2025) sowie Anbindungen an die Disability Studies (Bertilsdotter Rosqvist et al. 2020). Empirisch stützt sich der Beitrag auf eine qualitativ-rekonstruktive Studie zur Neurodiversitätsbewegung (Grummt 2025): neben einer umfassenden Aufarbeitung des englischsprachigen Diskurses wurden zahlreiche Social-Media-Posts von Neurodiversitätsaktivist:innen analysiert und mehrere rekonstruktiv interpretiert. Darauf aufbauend werden die Kernmerkmale der Bewegung, ihres Repertoires und die Primärdiskurse und -streitpunkte vorgestellt.
Ertrag: Erstens wird diskutiert, wie normative Setzungen und wissenschaftliche Gütekriterien vermittelbar sind (Stringenz bei reflexiver Positionierung). Zweitens werden Risiken der Vereinnahmung bzw. Exklusion marginalisierter Stimmen diskutiert. Drittens werden Anschlussoptionen an Bewegungsforschung skizziert. Viertens wird die Frage verhandelt, ob Neurodiversität primär als aktivistisches Konzept entstand, dem die Wissenschaft folgte, oder ob umgekehrt aus wissenschaftlichen Debatten aktivistische Dynamiken erwuchsen.
Der Beitrag möchte vor allem eine fundierte und reflektierte Diskussion über die Spannungen und Transformationschancen der Inklusionsforschung im Feld Neurodiversität anstoßen.
Marek Grummt vertritt die Professur für Pädagogik bei körperlicher und komplexer Behinderung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er promovierte zum Thema Sonderpädagogische Professionalität und Inklusion und habilitierte zum Thema Neurodiversität mit einem Fokus auf die Bewegungsforschung und die Philosophie des Geistes (vor allem Verbindung von Körper und Geist). Seine Forschungsinteressen sind Inklusions- und Partizipationsforschung, Disability Studies, Embodiment, Neurodiversität, erziehungswissenschaftliche Bewegungsforschung und Professionsforschung.